HOME   INHALT   BLOG   INFO   LINKS   VIDEOS   ARCHIV   KONTAKT   ENGLISH
 
     

"Entweder verhindert die Revolution den Krieg oder der Krieg wird die Revolution bringen" - Mao Tsetung

     
  Ein Krieg zwischen der NATO und Russland – auch ohne Atomwaffen – wäre verheerend

Die Amerikaner haben kaum direkte Erfahrungen mit Konflikten auf eigenem Boden.

Ted Galen Carpenter

 

Befürworter der NATO – sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten von Amerika – sind entschlossen, den Stellvertreterkrieg des Bündnisses gegen Russland fortzusetzen, ungeachtet der wachsenden Gefahr, dass die derzeit in der Ukraine stattfindende Konfrontation außer Kontrolle geraten könnte. Auch wenn einige westliche Amtsträger davor warnen, dass der Kreml einen Krieg gegen die NATO plane, gehen die meisten insgeheim davon aus, dass die militärische Überlegenheit des Bündnisses Wladimir Putins Regierung letztlich davon abhalten wird, einen umfassenden Angriff zu starten. Die NATO-Führung scheint zuversichtlich zu sein, dass das Bündnis Moskau – trotz der fortlaufenden militärischen Unterstützung für die Ukraine – davon abhalten kann, das Territorium der NATO-Mitgliedstaaten direkt anzugreifen.

Bislang bereiteten den westlichen „Hardlinern“ vor allem die feindseligen Aktionen Moskaus unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges Sorgen – schwer nachweisbare „hybride“ Maßnahmen oder Aktivitäten in der sogenannten „Grauzone“. Cyberangriffe, das Eindringen von Flugzeugen und Drohnen sowie Sabotageakte gegen die Infrastruktur nehmen zu und geben Anlass zu wachsender Besorgnis. Dennoch gehen NATO-freundliche Analysen davon aus, dass großangelegte russische Militäroperationen unwahrscheinlich seien, solange der demokratische Westen wachsam bleibe und geschlossen gegen russische Aggressionen vorgehe. Die Argumentation lautet: Eine unzureichende Unterstützung der Ukraine durch den Westen (insbesondere durch die USA) sowie ein Mangel an entschlossener Härte gegenüber Moskau würden diese Abschreckung schwächen.

Eine solche Arroganz ist unangebracht. Der Zorn und die Frustration in Moskau nehmen zu – was sich in den vergangenen Monaten an der steigenden Zahl von Vorfällen im Bereich der „Grauzonen“-Konflikte ablesen lässt. Dennoch scheinen politische Entscheidungsträger auf beiden Seiten des Atlantiks kaum darüber nachgedacht zu haben, welche Folgen selbst ein lang anhaltender, begrenzter Krieg für ihre eigenen Länder hätte. Die bittere Realität ist: Die Auswirkungen wären im besten Fall höchst destabilisierend – im schlimmsten Fall katastrophal.

Soweit sich Experten überhaupt mit dieser Frage befassen, konzentrieren sie sich meist auf das am wenigsten wahrscheinliche Szenario: einen umfassenden Atomkrieg zwischen Russland und der NATO. Analysten tun dieses Albtraumszenario in der Regel mit dem Hinweis ab, dass die Doktrin der „gegenseitig zugesicherten Zerstörung“ bereits im Kalten Krieg funktioniert habe und auch heute noch wirksam sei, da die Logik der Abschreckung nach wie vor Bestand habe.

Doch was, wenn die Führung in Moskau oder in der NATO zu dem Schluss kommt, dass ein begrenzter Krieg geführt werden kann, ohne dass eine der beiden Seiten auf die nukleare Option zurückgreifen muss? Militärplaner auf beiden Seiten haben offenbar Simulationen von Szenarien für einen begrenzten Krieg durchgeführt. Sie halten einen solchen Konflikt nicht für so schrecklich, dass er undenkbar wäre. Unabhängige Analysten sind zudem der Ansicht, dass die westliche Öffentlichkeit die Möglichkeit eines Weltkriegs nicht länger ignorieren sollte. Besorgte Bürger in allen betroffenen Ländern, einschließlich der Vereinigten Staaten, müssen sich mit diesen Möglichkeiten auseinandersetzen.

Abgesehen von Einwanderern aus kriegsgeplagten Ländern haben die allermeisten Menschen, die heute in Amerika oder Europa leben, keinerlei Erfahrung mit dem Ausmaß der Zerstörung – oder auch nur eine Vorstellung davon –, die selbst ein begrenzter, nicht-nuklearer Krieg zwischen der NATO und Russland mit sich bringen würde. Die Fernsehzuschauer weltweit bekamen am 11. September 2001 einen flüchtigen Eindruck von einem solchen Albtraum. Doch die unmittelbaren Auswirkungen jenes Angriffs beschränkten sich auf drei Orte, und es gab weniger als 3.000 Todesopfer. Zwar wurde der Flugverkehr für Tage eingestellt, der Gütertransport per Lkw und Bahn kam ins Stocken, und der Angriff versetzte die Nation – und die Welt – in einen schweren psychologischen Schock. Dennoch kehrte das Leben innerhalb weniger Wochen weitgehend zur Normalität zurück.

Die Folgen wären mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weitaus verheerender, sollte ein größerer Krieg zwischen der NATO und Russland ausbrechen. Die Amerikaner sollten sich vor Augen führen, welche gesellschaftlichen Auswirkungen es hätte, wenn sich im Westen oder in Russland etwa monatlich ein militärischer Zwischenfall von einem Ausmaß ereignen würde, das dem vom 11. September nahekommt. In Kriegsgebieten weltweit ist eine solche Zerstörung – oder gar noch Schlimmeres – an der Tagesordnung. Sind die Zivilbevölkerungen in Amerika oder Europa darauf vorbereitet, sich mit einer solchen Aussicht zu konfrontieren – geschweige denn, die tatsächlichen Folgen solcher Schläge zu verkraften?

In einem konventionellen Krieg zwischen der NATO und Russland könnten Zerstörung, Chaos und Blutvergießen, wie sie in den vergangenen Jahren im Ukraine-Krieg zu beobachten waren, zum Alltag für Amerikaner und Europäer werden. Abgesehen von vereinzelten Vorfällen haben die Amerikaner seit dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1865 keine unmittelbaren, verheerenden Auswirkungen von Kriegshandlungen auf die Zivilbevölkerung mehr erlebt. Ein Krieg der NATO gegen Russland würde diese außergewöhnlich lange Friedensperiode beenden.

Im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts haben die USA zahlreiche Kriege gegen ausländische Gegner geführt. Doch in all diesen Konflikten blieb das amerikanische Staatsgebiet von ernsthaften Angriffen verschont – mit Ausnahme von Pearl Harbor und dem 11. September 2001. Selbst von den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts blieben die Amerikaner weitgehend unberührt. Und die Gegner, gegen die die USA in jüngerer Zeit ins Feld zogen – Nordkorea, Nordvietnam, Serbien, Afghanistan, der Irak und nun der Iran –, verfügten allesamt nicht über die Fähigkeit, einen Großangriff auf die USA zu starten, geschweige denn eine langfristige Offensive auf amerikanischem Boden aufrechtzuerhalten.

Russland hingegen besitzt die militärischen Mittel, genau dies zu tun. Die zunehmende Verwicklung der NATO in ukrainische Angriffe auf Ziele innerhalb Russlands könnte Moskau zudem einen hinreichenden Anreiz bieten, mit ähnlichen Maßnahmen zu reagieren. Die europäischen Bündnispartner – allen voran die baltischen Staaten – sind besonders verwundbar, doch auch die größeren und einflussreicheren europäischen NATO-Staaten sind nicht vor Vergeltungsmaßnahmen gefeit. Dies gilt ebenso für die Vereinigten Staaten von Amerika, zumal beide Seiten die Eskalationsspirale immer weiter nach oben treiben.

Die amerikanische Bevölkerung muss sich die Frage stellen, ob es das Risiko wert ist, die Sicherheit und das Wohlergehen des eigenen Landes – und damit das Leben der eigenen Angehörigen – aufs Spiel zu setzen, nur um die Ukraine weiterhin als Instrument für einen Stellvertreterkrieg gegen Russland zu nutzen. Angesichts der bedrohlichen Entwicklungen der letzten Monate ist diese Gefahr längst nicht mehr nur ein rein hypothetisches Szenario.

 
     
  erschienen am 28. Oktober 2026 auf > The American Conservative > Artikel  
  Archiv > Artikel von Ted Galen Carpenter auf antikrieg.com  
  Dr. Ted Galen Carpenter ist Senior Fellow am Randolph Bourne Institute und am Libertarian Institute. Er ist außerdem Mitherausgeber des National Security Journal und von The American Conservative. Zuvor bekleidete er 37 Jahre lang verschiedene leitende Positionen im politischen Bereich des Cato Institute. Dr. Carpenter ist Autor von 13 Büchern und über 1.600 Artikeln zu den Themen Verteidigung, Außenpolitik und Bürgerrechte. Sein neuestes Buch trägt den Titel „Unreliable Watchdog: The News Media and U.S. Foreign Policy“ (2022).  
     
   
     
Antikrieg - Dossiers:
Syrien Israel Jemen Libyen Korea Ukraine

WikiLeaks

     
Einige Lesetips aus dem Archiv:
  Paul Craig Roberts - Die gesamte westliche Welt lebt in kognitiver Dissonanz
  Andrew J. Bacevich - Die Kunst, das Gedächtnis zu formen
  Robert Barsocchini - Israels ‚Recht sich zu verteidigen’: Ein Aggressor kann nicht in Selbstverteidigung handeln
  Jean-Paul Pougala - Die Lügen hinter dem Krieg des Westens gegen Libyen
  Ben Norton - Bericht des britischen Parlaments führt aus, wie der NATO-Krieg 2011 gegen Libyen auf Lügen basierte
  Marjorie Cohn - Menschenrechtsgeheuchel: USA kritisieren Kuba
  John V. Walsh - Warum sind Russland und China (und der Iran) vorrangige Feinde der herrschenden Elite der Vereinigten Staaten von Amerika?
  John Horgan - Warum Töten Soldaten Spaß macht 
  Jonathan Turley - Das Große Geld hinter dem Krieg: der militärisch-industrielle Komplex
  Jonathan Cook - Die vorgetäuschte Welt der Konzernmedien
  Oded Na'aman - Die Kontrollstelle
  Klaus Madersbacher - Seuchen
  Klaus Madersbacher - Hässliche Bilder
  Mark Danner - US-Folter: Stimmen von dunklen Orten
  Paul Craig Roberts - Die Neuversklavung der Völker des Westens
  Stephen Kinzer - Amerikas Staatsstreich im Schneckentempo
  Im ARCHIV finden Sie immer interessante Artikel!  
  Die Weiterverbreitung der Texte auf dieser Website ist durchaus erwünscht. In diesem Fall bitte die Angabe der Webadresse www.antikrieg.com nicht zu vergessen!  
  <<< Inhalt